Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

NDR-Fernsehen, Abendmagazin "DAS", 16.1.2005

Jeder von uns kennt Momente, in denen man schüchtern ist, die Zähne nicht auseinander bekommt und sich am liebsten in irgend einem dunklen Loch verkriechen würde. Bei Julian Kurzidim geht es aber weit über situationsbedingte Schüchternheit hinaus, sie bestimmt große Teile seines Lebens. Um sich und anderen zu helfen, hat er gerade für ihn sehr Mutiges getan und eine Selbsthilfegruppe gegründet. Bettina Lehnert hat ihn in Braunschweig besucht.

Schüchternheit in einigen Situationen kennt jeder. Julian Kurzidim ist aber so etwas wie der Bundesschüchternenbeauftragte. Er hat eine Selbsthilfegruppe und einen Verein für Schüchterne gegründet. Gegenseitig wollen sie sich helfen.
Früher bekam der Achtundzwanzigjährige immer wieder zu hören, "du mußt dich mehr durchsetzen". Aber er mochte sich beim Sport nie um den Ball prügeln. Wenn beim Schulsport Mannschaften gebildet wurden, blieb er als allerletzter übrig. Julian ist schüchtern, solange er sich erinnern kann.
Naja, es war so im Kindergarten, die Zeit rum, ich ääh, merkte erstmal... [findet das richtige Wort nicht] - das gehört dazu. Ja also die anderen Kinder sich in Spielgruppen zusammengefunden haben, hab ich erstmal geguckt, wo kann ich mich anschließen, mit dem Endeffekt, daß ich mich eigentlich nirgendwo mehr anschließen konnte, die Gruppen schon alle zusammengefunden hatten.
Julian blieb immer isoliert, im Kindergarten, in der Schule, im Studium. Seine erste Freundin hatte er mit 23, und auch nur, weil sie die Initiative ergriff. Erst eine Gesprächstherapie half ihm, mit seinen Kontaktängsten umzugehen.
Naja, eben vor anderen Leuten schlecht dazustehen, das ist ein Teil der Schüchternheit, das nennt sich Sozialphobie, das ist da auch mit drin, seine Meinung zu vertreten, seine Meinung vertreten zu wollen, aber nicht zu können
Julian ist kein Einzelfall. Das Phänomen der Sozialphobie nimmt seit Mitte der 90er Jahre stetig zu.
Dr. Norbert Kuhr: Man kann heute sagen, daß es so ca. 7-8 Prozent der Menschen sind, zu einem gegebenen Zeitpunkt, die dieses Problem haben, eben nicht nur so eine leichte Schüchternheit in sozialen Situationen, sondern so, daß es wirklich das Leben auch einschränkt. Daß es die berufliche Entwicklung behindert, daß es Kontaktmöglichkeiten zu anderen Menschen einschränkt.
Das Internet soll helfen. Julian hat eine eigene Homepage; unter www.schuechterne.org können sich Betroffene bei ihm Rat holen oder sich untereinander austauschen.
Ich bin einer von den ganz wenigen Schüchternen, die sich trauen, offen damit umzugehen und aktiv zu werden, das in der Gesellschaft so zuzugeben.
Genau. Von der Selbsthilfegruppe für Schüchterne wollte sich nämlich außer Julian niemand vor unserer Kamera äußern. Sie seien eben zu schüchtern, ließen sie sich entschuldigen.
Ich würd mir wünschen - ich wünsche es mir, daß Schüchternheit in dieser Gesellschaft irgendwann auch nicht mehr versteckt wird, daß die Schüchternen aus ihrer sicheren Ecke rauskommen, offen sagen können, ich bin schüchtern, und das ist gut so.
Für Julian hat sich viel verändert. Durch die Selbsthilfegruppe hat er endlich einen festen Freundeskreis gefunden. Und: Er ist selbstbewußter und offener geworden, als er gemerkt hat, was er alles alleine schaffen kann. Das meint er selbst.

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