Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 30.5.2019

Die Angst vor den anderen: Hilfe für schüchterne Menschen

Von Norbert Mierzowsky

Hildesheim - Wer kennt das nicht aus der Schulzeit?: Man wird in der Klasse nach vorne gerufen und soll eine Antwort vortragen - und obwohl man sie weiß, bleiben einem die Worte im Hals stecken. Eine Blockade. Oder: Man spaziert durch die Stadt und stolpert über einen Absatz. Peinlich. Viele kommen mit solchen Situationen zurecht. Sie stecken es einfach weg. Aber es gibt auch viele Menschen, die das nicht können. Sie haben Schweißausbrüche, bekommen einen roten Kopf - es ist für sie die Hölle.
Etwa jeder Zehnte ist schüchtern. Nicht nur etwas verlegen, sondern so verkrampft in sozialen Gemeinschaften, dass sie am liebsten unsichtbar sein würden. Und sie sind das gefundene Opfer von Menschen, die sich gerne über jemanden anderes lustig machen wollen. Und von denen gibt es zu viele. So jedenfalls empfindet es Julian Kurzidim. Er ist einer von diesen Menschen, denen es schwerfällt, Kontakte zu knüpfen, sich aktiv zu präsentieren, vor anderen zu sprechen.

Kampf gegen eigene Ängste

Doch er kämpft dagegen, und er will anderen Schüchternen helfen, sich aus ihrer Isolation zu befreien. Julian Kurzidim ist Vorsitzender der Initiative intakt, dem norddeutschen Verband der Selbsthilfe bei sozialen Ängsten. Seit 2005 betreut er eine Selbsthilfegruppe in Hildesheim, die sich alle 14 Tage beim Paritätischen trifft.
Doch selbst für ihn ist es schwierig, Menschen aus der Reserve zu locken, die in der gleichen Situation sind wie er selbst. Wenn man sich lieber in sein Kämmerchen zurückzieht. Bloß nicht gesehen werden. "Doch trotzdem wollen diese Menschen etwas erleben, Kontakt aufnehmen, eine Beziehung zu einem Partner aufbauen", erzählt er. Nur: Sie trauen sich eben nicht.

Viele Betroffene, wenig Resonanz

Auf der Internetplattform Ebay gab es einen Hinweis auf die Hildesheimer Selbsthilfegruppe. "Es haben mehr als 500 Aufrufe", erzählt er, "aber nur zwei oder drei haben sich tatsächlich gemeldet". Die meisten machen sich eine Notiz, heften sie an ihren Kühlschrank und werden niemals anrufen, um Kontakt zu der Selbsthilfegruppe aufzunehmen. Auch Christian fällt es nicht leicht fällt, sich zu präsentieren. Er will für diesen Artikel nicht fotografiert werden, auch seinen Nachnamen nennt er nicht. Immerhin: Er leitet den Hildesheimer Gesprächskreis der Schüchternen.
Manchmal nimmt Marina Stoffregen Anrufe von Schüchternen in der Geschäftsstelle durch die Selbsthilfekontaktstelle KIBIS beim Paritätischen Hildesheim-Alfeld entgegen. "Wer es soweit schafft, hat einen wichtigen Schritt getan", sagt sie, "aktiv zu werden".

Prominentes Beispiel: Marc Zuckerberg

Genau dabei soll die Selbsthilfegruppe helfen. Seit 2005 kommen in Hildesheim Menschen unterschiedlichen Alters zusammen, Männer und Frauen. "Es kann jeden treffen", sagt Kurzidim. Ob mit Mitte 20 oder mit 40. Auslöser können der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes sein. Es gebe eben Menschen, die nicht alles verarbeiten können, die sich plötzlich als unnütz oder störend empfinden - und trotzdem etwas leisten. "Es gibt viele hochtalentierte Menschen, von denen man nie etwas erfahren wird", sagt Kurzidim und verweist auf eine prominente Ausnahme: Marc Zuckerberg, der mit Facebook aus seiner Not ein Erfolgsmodell gemacht hat.
Mobbing am Arbeitsplatz, das Ausnutzen von Schwächen - vieles verstärkt das Dilemma von Schüchternen, die häufig schon in ihrer Kindheit das Gefühl empfunden haben, nicht genug zu taugen. Sei es der Leistungsdruck der Eltern, seien es peinliche Situationen in der Schule oder auch Mobbing in der Klasse. "Man kann schnell in die Mühle der Selbstentwertung geraten", sagt Kurzidim.

Selbsthilfetag am 15. Juni

Die Selbsthilfegruppe soll wieder aus der Spirale herausführen: "Wichtig ist, Vertrauen aufzubauen, wieder Mut zu fassen, etwas zu sagen." Alles einfache Regeln. Aber für manche Menschen eben scheinbar unüberwindbare Hürden.
Die Selbsthilfegruppe für Schüchterne in Hildesheim trifft sich alle 14 Tage montags bei KIBIS in der Lilly-Reich-Straße 5 um 18 Uhr. Die nächsten Termine sind am 3. und 17. Juni. Anfragen oder Anmeldungen sind unter schuechterne-hi@gmx.de per E-Mail möglich.
Die Selbsthilfegruppen aus Stadt und Landkreis Hildesheim stellen sich am Samstag, 15. Juni in der Fußgängerzone Hoher Weg und Almsstraße vor. In der Zeit von 10 bis 14 Uhr besteht die Möglichkeit, sich zu informieren. Von der Alzheimer Gesellschaft bis hin zu Wirbelwind, der Gruppe, die sich um Wirbelsäulengeschädigte kümmern, spiegelt sich die Bandbreite der Initiativen an diesem Tag wieder.

Kontaktstellen in Hildesheim und Alfeld

In Hildesheim gibt es mehr als 60 Selbsthilfegruppen, in denen Menschen im Kontakt miteinander Hilfe und Unterstützung zu den verschiedensten Themen erhalten. Sie werden von der Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich (KIBIS) des Paritätischen Hildesheim-Alfeld koordiniert. Kibis hilft dabei, wenn sich Selbsthilfegruppen gründen, regt selbst dazu an und hilft auch bei der Vermittlung von Kontakten.
Für Selbsthilfegruppen ist auch der Kontakt zu Fachleuten für die Arbeit und den Austausch wichtig. Kibis kann als Geschäftsstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes auch Kontakte zu Fachleute aus dem Bereich des Gesundheits- und Sozialbereiches vermitteln. Außerdem werden. Weiterbildungsmöglichkeiten für Selbsthilfegruppen und deren Mitglieder angeboten.

Liste aller Selbsthilfegruppen

Auf der Homepage des Paritätischen gibt es eine Liste aller Selbsthilfegruppen in Hildesheim mit Kontaktdaten der Ansprechpartner: www.hildesheim.paritaetischer.de. Der direkte Kontakt zur Ansprechpartner von KIBIS, Marina Stoffregen, des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hildesheim-Alfeld lautet marina.stoffregen(ä)paritaetischer.de. Kibis ist im Paritätischen Sozialzentrum Hildesheim in der Lilly-Reich-Straße 5, Telefon 7416-16; die Sprechzeiten sind montags. donnerstags und freitags von 9 bis 12 Uhr und mittwochs von 15 bis 18 Uhr. Die Geschäftsstelle von KIBIS in Alfeld ist in der Kalandstraße 7, Telefon 8435-0, die Sprechzeiten sind dienstags von 10 bis 13 Uhr.
Die Selbsthilfegruppen aus Stadt und Landkreis Hildesheim stellen sich am Samstag, 15. Juni in der Fußgängerzone Hoher weg und Almsstraße vor. In der Zeit von 10 bis 14 Uhr besteht die Möglichkeit, sich zu informieren. Von der Alzheimer Gesellschaft bis hin zu Wirbelwind, der Gruppe, die sich um Wirbelsäulengeschädigte kümmern, spiegelt sich die Bandbreite der Initiativen an diesem Tag wieder.

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