Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief Juni 2022

Titelseite

Inhalt:
   - Endlich wieder: Selbsthilfetag in Braunschweig
   - Neues Buchprojekt des LVPEBW
   - Filmprojekt über Depressionen bei Männern
   - Schwerbehinderung bei psych. Erkrankungen
   - Smalltalk über Kohlenwasserstoffe
   - Zwischen Pi, Rho, Sigma - und dem Dritten Weltkrieg!

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ZITAT

"Problem talk creates problems, Solution talk creates solutions."
("Reden über Probleme schafft Probleme, Reden über Lösungen schafft Lösungen.")

Steve de Shazer, Therapeut und Pionier der lösungsorientierten Psychotherapie



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Endlich wieder: Selbsthilfetag in Braunschweig

ZUSAMMENFASSUNG
   - Der intakt e.V. machte wieder einen Straßenstand.
   - Der Zulauf zum Stand war geringer als in den Vorjahren.
   - Dafür ergaben sich viele andere interessante und psychotherapeutisch wertvolle Situationen.


Nach der Corona-Zwangspause konnte endlich wieder ein Selbsthilfetag als öffentliche Veranstal-tung in der Stadtmitte vor Shopping-Publikum stattfinden. Der intakt e.V. war natürlich dabei.
Als Tisch diente wieder das Postfahrrad, auch wenn es unter einer Wolldecke nicht mehr der große Blickfang war. Der größte Teil der Ausrüstung wurde von einem Gruppenmitglied im Auto angefahren. Als Kundenfänger stand diesmal ein großer Spruch über Wartezeiten vor dem Stand, orientiert auf ein großes Problem der Zielgruppe:


Wir durften unser Zelt an den Farbeimern der Nachbarn mit anbinden. Die Eimer sind eine nachahmenswerte Idee: wenn ein Brunnen auf dem Platz ist, reichen leere Kanister o.ä. als Gewichte, dann müssen keine Eisen- oder Betongewichte mitgebracht werden.
Wasser kam leider auch von oben. Das Wetter war abwechselnd, mehr als einmal mußte die große Folie über die Infozettel geworfen werden.
Auch wenn es mitten in der Stadt war, kamen nur wenige Leute an den Stand, auch zu Sonnenschein-zeiten. Von den 28 Terminzetteln zur Gruppe haben wir an dem Tag höchstens 3 rausgegeben. Auf die anderen Flugblätter, das Buch oder gar auf die Spendendose hat kaum wer gesehen.

Dafür ergaben sich mehrere interessante Situationen, mit anderen Menschen umzugehen:
- Eine Gruppe von 3-4 Leuten stand eine Zeitlang am Nachbarstand. Wie es in solchen Gesprächen nun mal ist, verloren sie die "Rück-Sicht". Sie sahen also nicht, 1. wem sie im Weg stehen und 2. wohin sie sich ganz langsam bewegen. So "drohte" die Gruppe vor unseren Stand zu geraten. Ich stellte mich daher vor diesen, Beine breit, 20 cm hinter dem Rücken einer der Tratschenden. Natürlich war das unangenehm nah. Aber die Absicht war ja eben, daß die Leute hinter mir es genauso unangenehm empfinden und so den Platz vor unserem Stand frei lassen.
- Die "Frau mit dem Hut" geht mich zwar nicht an. Aber weil sie unser Thema geradezu verkörpert, fällt sie auf: Wie jedes Mal ging sie vorsichtig von Stand zu Stand, schaute nur und ließ sich höchstens mal ein Flugblatt geben. Mir kam der Wunsch, kurz mal mit ihr zu reden. Also sprach ich sie mit einem passenden Thema an - und freute mich, daß sie im Gespräch doch ganz anders war.

Vielleicht geht es nicht unbedingt darum, Infomaterial zu verteilen oder gar zu verkaufen. Die Botschaft wird wohl vor allem über die großen Parolen auf dem "Aufsteller" transportiert. Es geht um die Atmosphäre einer solchen Veranstaltung, um die eigene Leistung dabei, um den Umgang mit Infosuchenden und mit dem Wetter. Und nach Corona auch darum, endlich wieder draußen zu sein.

Julian / Braunschweig

P.S.: Der Spruch von der keinen Wartezeit stand hinterher in der Zeitung!






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"Mutmachende Texte zum Thema seelische Gesundheit"
Neues Buchprojekt des LVPEBW

Wegen der positiven Resonanz auf das erste Buchprojekt des LVPEBW entstand die Idee, ein weiteres Buch mit Texten von Menschen mit Psychiatrieerfahrung, bzw. von Menschen mit Erfahrung im Hinblick auf seelische Krisen und Ausnahmezustände zu erstellen.
Um den Aufwand im Hintergrund für uns zu minimieren, möchten wir diesmal jedoch von der Durchführung der Auswahl der Texte in Form von einem Wettbewerb absehen. Sollten mehr Texte eingehen, als in das Buch aufgenommen werden können, so werden wir die Auswahl nach bestem Wissen und Gewissen treffen und als Prämisse mitlaufen lassen, dass wir eine möglichst große Bandbreite von verschiedenen Themen und Textarten zeigen möchten.
Bitte sendet uns Eure Texte zum Thema "Mutmachende Texte zum Thema seelische Gesundheit" als Word-Dokumente bis spätestens 31.07.2022 an kebbel(ä)lvpebw.de zu.
Mit der Zusendung erklärt Ihr automatisch Euer Einverständnis zur Veröffentlichung des Textes im Rahmen des geplanten Buchprojektes. Bitte schreibt uns daher unbedingt auch dazu, ob Ihr namentlich oder lediglich mit Angabe Eurer Initialien genannt werden möchtet oder ob Ihr den Text anonym bzw. unter Verwendung eines Pseudonyms zur Veröffentlichung freigebt. Für Rückfragen zum aktuellen Buchprojekt könnt Ihr Euch gerne an Carina Kebbel unter der obigen Mailadresse wenden.
Wir freuen uns auf zahlreiche Einsendungen von Euch und darauf, mit Euch gemeinsam ein weiteres wichtiges Buch mit Texten zur Betroffenen-Perspektive im Bereich von psychischen Erkrankungen und seelischen Krisen erstellen zu können.

Viele Grüße auch im Namen der übrigen Beteiligten an diesem Buchprojekt sowie der weiteren Mitglieder des Vorstandes

Carina Kebbel
Mitglied im Vorstand des Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg e. V. (LVPEBW)
kebbel(ä)lvpebw.de
Tel.: 01 76 - 23 91 69 03


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Filmprojekt über Depressionen bei Männern
Teilnehmer gesucht

Für ein neues Filmprojekt über Depressionen bei Männern sucht das Medienprojekt Wuppertal Betroffene als Protagonisten.
Depressionen sind eine Volkskrankheit. Etwa 20 % aller Menschen durchlebt mindestens einmal im Leben eine depressive Episode. Lange Zeit galten Depressionen als eine überwiegend weibliche Krankheit. Inzwischen wissen wir, dass Männer in vergleichbarem Ausmaß an Depressionen erkranken und dabei oft suizidgefährdet sind.

Dieser Film bietet männlichen Betroffenen die Möglichkeit, ihre individuellen Erfahrungen mit der Krankheit Depression zu beschreiben und zu zeigen. Welche spezifisch männlichen Risikofaktoren gibt es neben der genetischen Disposition? Welche typisch männlichen Symptome gibt es? Inwiefern reden Männer weniger über ihre seelischen Nöte? Wo und wie finden männliche Betroffene Hilfe und Unterstützung? Wie können Angehörige mit ihren depressiven Partnern und Familienangehörigen umgehen, um die Risiken einer Co-Abhängigkeit zu reduzieren. Diesen und vielen weiteren Fragen wird dieser Film nachspüren. Dabei geht es konsequent um das subjektive Erleben der Betroffenen. Der Film wird nach einer Wuppertaler Kinopremiere deutschlandweit als Stream, Download und DVD für die Aufklärungs- und Präventionsarbeit über den (nicht-gewerblichen) Vertrieb des Medienprojektes Wuppertal verbreitet.

Gesucht werden männliche Interessierte, die das Thema aus eigenem Erleben kennen und die bereit sind, offen darüber zu berichten. Der Film will subjektive Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Depressionen gewähren und Erfahrungen und Lösungsstrategien nachzeichnen. Die Mitwirkenden werden dabei von dem sehr erfahrenen Dokumentarfilmemacher Christoph Müller begleitet, der sich schon seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftigt. Ziel ist es, gemeinsam einen Film zu entwickeln, der die verschiedenen Facetten von Depressionen offen benennt, Auswege aufzeigt und damit anderen Betroffenen Mut macht.

Kontakt und weitere Informationen: Medienprojekt Wuppertal, Christoph Müller
E-Mail: c.mueller(ä)medienprojekt-wuppertal.de
Medienprojekt Wuppertal
Jugendvideoproduktion und -vertrieb
Hofaue 59, 42103 Wuppertal
Fon: 0202-563 26 47
Fax: 0202-446 86 91
www.medienprojekt-wuppertal.de


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Psychische Erkrankungen von Zwang bis Depression: Die Erlangung einer Schwerbehinderteneigenschaft ist möglich!

ZUSAMMENFASSUNG
   - Menschen mit psychischen Erkrankungen haben oftmals Anspruch auf eine (Schwer-)Behinderteneigenschaft
   - Viele Betroffene lassen sich aus Scham die damit verbundenen Nachteilsausgleiche entgehen
   - Die Vorteile einer anerkannten Behinderung überwiegen den Ängsten vor Diskriminierung


Viele Betroffene einer psychischen Erkrankung denken nicht daran, dass ihnen gerade bei einer dauerhaften Einschränkung auch Nachteils-ausgleiche nach dem Schwerbehindertenrecht zustehen. Oftmals haben Betroffene zudem massive Schwierigkeiten, ihre Ansprüche geltend zu machen - und der Amtsarzt beurteilt ihr Störungsbild als vollkommen unzureichend. Generell kann bei leichten Verlaufsformen nach gültiger Rechtsprechung davon ausgegangen werden, dass ein sogenannter "Grad der Behinderung" (GdB) im unteren Bereich von rund 30 festgestellt wird, der eine Aussage darüber trifft, ob und in welchem Umfang der Erkrankte zum Beispiel Steuererleichterungen, Unterstützung am Arbeitsplatz oder mögliche Fahrtkostenpauschalen geltend machen kann. Auf der zwischen 0 und 100 festgelegten Skala gilt ein Mensch im Sinne des SGB IX bereits ab einem Wert von 20 als "behindert", ab 50 dann letztlich auch als "schwerbehindert" mit dem Anspruch auf Ausstellung eines Schwerbehindertenausweises zum Nachweis etwaiger Rechte. Bevorteilungen sind auch bei einem Wert von 30 und 40 schon möglich, arbeitsrechtlich ist dann eine Gleich-stellung im Job als Schwerbehinderter denkbar und damit verbunden ein besserer Kündigungsschutz, eine bevorzugte Einstellung oder auch eine Woche Mehrurlaub. Und selbst mit GdB 20 können bereits verschiedene Steuernachlässe erfolgen.

Der GdB wird auf Antrag vom Versorgungsamt anhand der jeweiligen Aktenlage festgelegt. Eine persönliche Begutachtung durch den Sach-bearbeiter erfolgt in der Regel also dabei nicht. Das Verfahren ist für den Betroffenen unabhängig des Ausgangs kostenfrei. Gegen den Bescheid ist Widerspruch möglich. Regelhaft wird bei Vorliegen einer psychischen Erkrankung die Art und Ausprägung des jeweiligen Störungsbildes für die Beurteilung herangezogen. Somit bedeutet dies grundsätzlich: Zunächst wird das Leiden in Einklang mit den sogenannten "Versorgungs-medizinischen Grundsätzen" mit einem Grad festgesetzt, der pauschal für das Krankheitsbild als Rahmen definiert ist. Doch im Weiteren muss dann die individuelle Beeinträchtigung abgewogen werden, die zu einer Feinjustierung des GdB führt.
Gerade psychische Erkrankungen müssen in ihrer Gesamtheit betrachtet werden. Handelt es sich um ein chronifiziertes und schwer verlaufendes Problem, sind auch Ergebnisse jenseits von 50 durchaus möglich. Denn die Bewertung orientiert sich schlussendlich an den "funktionellen Auswirkungen". Das bedeutet, dass nicht die Diagnose allein aussagekräftig ist, sondern die Symptome (welche im Schwerbehindertenrechts als "Funktionsstörungen" bezeichnet werden). Somit müssen die Auswirkungen des Gesundheitsschadens auf alle körperlichen und seelischen Systeme des Einzelnen betrachtet werden. So sind vom Gutachter auch psycho-somatische, kognitive, soziale und persönlich-keitsrelevanten Aspekte zu werten. Abhängig davon, welcher Bereich den höchsten Einzel-GdB aufweist (der im Verhältnis zu anderen Krankheitsbildern auf Basis der Leitlinien eingeordnet wird), wird selbiger als Ausgang für die Berechnung des endgültigen Gesamt-GdB herangezogen. Sind darüber hinaus gehende Störungen in weiteren Funktionsbereichen vorhanden, kann der Einzel-GdB um bis zu 20 erhöht werden - sofern sich die Leistungs-beeinträchtigungen nicht schon wechselseitig beeinflussen und damit durch den Ursprungs-GdB ausreichend berücksichtigt sind.

Beispielhaft kann bei einer isolierten Zwangsstörung von einem Einzel-GdB von wenigstens 50, bei einer phobischen Angststörung von zumindest 30, bei einem Burnout durchaus 20 und bei einer mittelgradigen Depression von 40 ausgegangen werden. Liegt aber exemplarisch gleichsam auch noch eine schwere soziale Anpassungsstörung vor, nimmt diese einen eigenen Einzel-GdB von 20 ein. So kann der letztliche Gesamt-GdB am Ende um 10 höher als der Ausgangs-GdB der Grunderkrankung liegen. Dieser wird nämlich nicht durch das bloße Addieren der Einzelwerte gebildet. Stattdessen ist auch hier die Krankheit beziehungsweise die Leistungseinschränkung mit dem höchsten Einzel-GdB wegweisend, zu dem bei erheblichen Begleiterkrankungen oder dem Hinzukommen von Störungsbildern aus anderen Körper- und Funktionsbereichen ein meist maximaler Aufschlag von bis zu 20 erfolgen kann, woraus sich letztendlich der Gesamt-GdB ergibt. Zudem muss beachtet werden, dass bei Vorliegen mehrerer Erkrankungen aus den jeweiligen Einzel-GdB ein Gesamtgrad der Behinderung entsteht. Entscheidend ist das komplette Bild der Funktionsbeeinträchtigung. Leidet ein Patient neben seiner Depression zum Beispiel noch an einer funktionellen Bewegungsstörung oder Lähmungserscheinungen, die mit einem einzelnen GdB von 30 anzusetzen wären, wird aus dem anfänglichen Grad 40 im Endeffekt ein Gesamt-GdB 60.

Deshalb ist es beim Antrag auf Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft auch nicht ausreichend genug, wenn ärztlicherseits eine Diagnose nach den geltenden Kriterien festgestellt und attestiert wird. Viel eher muss daneben ergänzend bescheinigt werden, inwiefern konkrete Einschränkungen der Alltags- und Lebensqualität vorliegen und welche Funktionssysteme des Körpers und der Psyche in welchem Ausmaß explizit betroffen sind. Oftmals scheitert der Ausgang im Verfahren an der ungenügenden Beschreibung dieser Beeinträchtigungen durch den behandelnden Facharzt. Patienten sollten insofern stets darauf abheben und bestehen, dass die Befunde nicht nur einen ICD-10-Code ausweisen. Bedeutsamer ist viel eher die klare Darlegung, welche Konsequenzen die Krankheit hat. Empfehlenswert ist daher auch, dass die Betroffenen ihrem Antrag an das Versorgungsamt einen eigenen Erfahrungsbericht beifügen, in welchem auch sie nochmals bildlich festhalten, in welchen Lebensbereichen und Funktionssystemen Probleme bestehen. Orientierend hilft dabei die Frage: Was kann ich heute nicht mehr (so gut) wie vor Manifestation der Krankheit?

Der Schwerbehindertenausweis dient am Ende zur Inanspruchnahme und Durchsetzung zusätzlicher Rechte, welche sich auf die Steuerlast, die Nachteilsausgleiche im Beruf, Grundlagen für weitere sozialrechtliche Ansprüche (beispielsweise bei späterem Eintritt einer eventuellen Pflegebedürftigkeit), Vergünstigungen im Alltag oder Sozialtarife auswirken. Gleichzeitig ist die Inanspruchnahme der Schwerbehinderten-eigenschaft eine im sozialen Rechtsstaat allen Hilfsbedürftigen zustehende Anerkennung ihrer Benachteiligungen, letztendlich gibt es keinerlei Grund, sich dafür schämen zu müssen. Ganz im Gegenteil: Immerhin kann das eigene Bekenntnis zu einem Anderssein auch einen positiven Effekt auf unser Selbstbild haben und daneben ebenso einen psychologischen Mehrwert besitzen. Faktische Diskriminierungen durch eine ausgewiesene Schwerbehinderung sind insofern weder gegenüber Versicherungen, Arbeitgebern oder öffentlichen Stellen zu befürchten.

Autor: Dennis Riehle, Sozialberater
Kontakt: Beratung(ä)Riehle-Dennis.de


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Smalltalk über Kohlenwasserstoffe

ZUSAMMENFASSUNG
   - Die ewiggleichen Smalltalk-Themen sind nicht für alle
   - Es müssen aber nicht diese Themen sein, es finden sich andere
   - Aus diesen anderen Themen lassen sich auch die "üblichen" ableiten


Scheinbar die Mehrheit der Menschen tut es alltäglich und scheinbar spontan-mühelos. So ist es vielen peinlich, wenn sie da nicht mitmachen können.
Denn die Regeln sind ja eigentlich einfach. Immer, wirklich immer, sagen: Das Wetter ist schlecht. (Drei Tage Freibadsonne lassen sich notfalls zum Klimawandel aufblasen.) Der Trainer gehört entlassen. Die Politiker kriegen zu viel Geld. Die Jugend wird immer brutaler. Aber am allerschlimmsten ist die Verwandtschaft, vor allem die angeheiratete. Also was die Schwiegermutter sich da wieder erlaubt hat, e-kel-haft sage ich Ihnen.
Trotzdem wird dazu immer gesagt: "mir gehts gut". Höchstens noch "muß ja". Zum Abschluß werden all die Katastrophen-Fantasien wieder eingefangen mit: "es is ja wie es is". Was bedeutet denn das? "Die Welt wird immer schlimmer, aber bis zum Glück kommen die Probleme (noch) nicht zu mir"?
Gemotze läßt sich auch abschließen mit der Aussage "aber auf mich hört ja keiner." Diese Klage kann eine versteckte Selbstentlastung sein: Denn wenn "keiner" auf mich hört, brauche ich es den Leuten garnicht erst beizubringen. Dann kann ich zuhause auf dem Sofa sitzenbleiben und das wollte ich sowieso nur.

Klar: Das alles dient unterschwellig dazu, daß die beiden Redenden sich gegenseitig ihre Freund-schaft vorführen. Aber das funktioniert nur, wen die beiden einfach drauflosreden und nicht über den Inhalt des Gesprächs nachdenken.
Also nicht bei Leuten, die "zuviel denken". Denen "die ganze Redezeit mit sowas draufgeht", während ihnen doch anderes, persönlich Wichtiges auf der Seele liegt.

Aber manchmal ergeben sich zufällig doch Themen, über die sich "einfach so" reden läßt. In meinem Fall vor kurzem war es die Zutatenliste eines Sprays. "Da will ich aber mal wissen, was da drin ist." Es enthielt "Nonyl-Methyl-Keton". Ich begann zu erzählen, "Methyl, das ist ja dieser eine Alkohol, den man nicht trinken darf", und kam bis zur Oktanzahl beim Benzin. Und Keton ist irgendwas mit Abmagerung, "sowas hatte ich mal in der Urinprobe, beim Zivildienst. Daher hat man mich gefragt, ob ich eine Abmagerungskur mache. Das paßte, denn mein Vorgänger hatte die Küche im Dreck hinterlassen."

Ich habe einfach nur spontan rausgelassen, was in der Schule in Chemie und Latein hängengeblieben ist (→1). Aber: So geht es auch.

Ist gemeint, was oft "fachsimpeln" genannt wird? Naja, das Wort trifft es nicht, denn was Fachleute untereinander besprechen, ist alles andere als "simpel". Aber ein Fachgespräch ist eben auch ein Gespräch. Fachwissen läßt sich nutzen, um auch anderswo zu reden. Viele in den Gruppen sagen ja gerne, "zu meiner Arbeit kann ich viel erzählen, da kenn ich mich aus". Solche Themen dürfen gern auch anderswo eingesetzt werden.

Sie passen sogar, um zu seichterem Blabla überzugehen. Das Methyl ist da ein gutes Beispiel, denn es brachte mich doch auf das beliebte Thema "abwesende Leute". Ich konnte erzählen über meine Chemielehrerin, "die war gebürtige Tschechin und hat die Fachwörter immer im starken Dialekt ausgesprochen, sie hat immer Mettil gesagt und als ich später von Metül gelesen habe, wußte ich erst garnicht was das ist".

Ihr könnt das ja mal in der Gruppe üben: Einfach mal reden, Anekdoten erzählen und das alles, ohne das Wetter oder die Schwiegermutter zu beleidigen.

Julian / Braunschweig

↑1 Da ist die Verbindung zum Oktan-Benzin. Die höheren Kohlenwasserstoffe sind griechisch-lateinisch durchnummeriert: Okt=8, Non=9.




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Zwischen Pi, Rho, Sigma - und dem Dritten Weltkrieg!
Kommentar

ZUSAMMENFASSUNG
   - Politik und Gesellschaft neigen im 21. Jahrhundert zu Dramatik.
   - Übertreibungen schüren Ängste und befeuern Verschwörungstheorien.
   - Der ständige Gedanken, was morgen passieren könnte, nimmt Lebensqualität.


Dieser Tage scheint die Leichtfertigkeit gestiegen, mit Superlativen recht unüberlegt um sich zu werfen. Von unserem Bundesgesundheitsminister sind wir es bereits gewohnt: Warnungen und Sorgen vor dem Morgen stehen bei ihm auf der Tagesordnung. Allerdings haben sie sich mittlerweile abgenutzt. Kaum jemand nimmt seine Ermahnungen noch ernst. Das kommt davon, wenn man blauäugig immer neue Extreme aufruft. Sie werden schlichtweg nervig und verfehlen ihre Wirkung. Das ist besonders dann gefährlich, wenn sich die Situation wieder derart zuspitzt, dass eine ernsthafte Vorsicht geboten wäre.

Doch täglich von den möglichen Neuvarianten des Corona-Virus zu faseln, das ermüdet selbst den aufmerksamen Zuhörer und Lauterbach-Fan. Ob nun nach Omikron irgendwann auch Pi, Rho und Sigma auf der Matte stehen - wen interessiert das angesichts einer Weltlage, in der wir uns tatsächlich um andere Brennpunkte kümmern müssen. Überhaupt: Was macht das mit unserer Lebensqualität, wenn wir uns ständig mit Möglichkeiten und Eventualitäten befassen? Selbstredend kann mir nachher beim Verlassen des Hauses auch ein Dachziegel auf den Kopf fallen oder ich werde von einem Auto angefahren.

Aber wie lässt es sich existieren, wenn wir dauernd Optionen bedenken, deren Eintritt und ihre Wahrscheinlichkeit nicht messbar scheinen und lediglich dazu in der Lage sind, uns in fortwährende Panik zu versetzen? Genauso ergeht es mir im Augenblick auch mit dem unreflektierten Herumfuchteln einer Gefahr des Dritten Weltkriegs oder dem nächsten Atomkonflikt. Mit solch immensen und dramatischen Aussagen spaßt man nicht - und man verwendet sie nicht inflationsartig. Jeder weiß darum, welche Folgen solch eine Auseinandersetzung tatsächlich hätte. Und selbst Experten schätzen Putin bei allen Wirrungen noch derart vernünftig ein, dass sie ihm den Einsatz von nuklearen Waffen nicht zutrauen. Er mag unberechenbar und völlig von Sinnen sein. Dennoch möchte er seinen Traum eines größeren Russlands ja selbst erleben und nicht durch das unbedachte Drücken des Knöpfchens die ultimative Antwort des Westens auf sein eigenes Haupt riskieren.

Insofern wäre es gerade Laien und selbsternannten Verstehern internationaler Politik anzuraten, mit Schaudermärchen sparsam zu sein und die ohnehin phobischen Deutschen nicht noch in ihrer Beunruhigung zu bestärken. Denn wir tragen gerade in Krisen alle gemeinsam Verantwortung, Katastrophen nicht herbeizureden und alles zu vermeiden, was weitere Eskalationen schüren könnte. Wer auch immer gerade meint, Selbstprofilierung und Mediensehnsucht über das seelische Wohlbefinden der Bevölkerung stellen zu müssen, sollte sich fragen, welchen Schaden Eigennutz anrichtet.

Dennis Riehle
Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz
Tel.: 07531/955401
Mail: Riehle(ä)Riehle-Dennis.de


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zuletzt am 19.06.2022 um 11 Uhr 21